Die Frankfurter Allgemeine Zeitung
schrieb über dieses Buch: „Eine Maske ist nämlich in Wahrheit dieses
Gesicht, weil der Held eine Heldin ist, die sich als solche nicht zu
erkennen geben will. Die Heldin liebt eine Frau...“ Und damit trifft
die Zeitung genau den Kern dieses Buches. Lyrische Novelle ist
nämlich eine Liebesgeschichte über einen jungen Mann, welcher sich
beim Lesen zwischen den Zeilen jedoch als Frau entpuppt. Entstanden
ist dadurch eine nicht ganz einfach zulesende Novelle über eine
„verbotene“, gleichgeschlechtliche Liebe in einer äussert
schwierigen Zeit.
Lyrische Novelle von Annemarie
Schwarzenbach ist in einer denkbar schwierigen Zeit, 1933,
erschienen – dem Jahr, als die Nationalsozialisten in Deutschland
die Macht übernommen haben. Durch diese Verlagerung der politischen
Kräfte wurde auch die schwul-lesbische Kultur in den Untergrund
gedrängt und massiver denn je verfolgt. Diese unsichere, politische
Lage zieht sich durch das ganze Buch. Daneben beinhaltet diese
Liebesgeschichte auch eine gehörige Portion an autobiografischen
Inhalten.
Annemarie Schwarzenbach ist 1908 in Zürich geboren und stammt aus
einer reichen Industriellenfamilie. Bereits während ihrem Studium
veröffentlichte sie erste literarische und journalistische Texte,
bevor sie im Alter von 23 Jahren ihre Doktorarbeit über die
Geschichte des Oberengadins schrieb. Ab 1931 hält sich Annemarie
Schwarzenbach auch immer häufiger in Berlin auf und steht dort in
engerem Kontakt mit Klaus und Erika Mann, Kinder des
Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann und dessen Frau Katja. Durch
Klaus und Erika Mann, welche beide homosexuell waren, kam
Schwarzenbach in Kontakt mit dem letzten Rest der lebendigen
Homosexuellen-Subkultur in Berlin. In dieser Zeit kommt sie auch zum
ersten Mal in Kontakt mit dem Suchtmittel Morphium.
In den folgenden Jahren unternimmt Schwarzenbach zahlreiche Reisen,
unter anderem nach Spanien und Afghanistan und schreibt Bücher über
ihre Erfahrungen. Im Orient kommt es zu einer Heirat zwischen ihr
und einem französischen Diplomaten. Doch bald darauf kehrt sie
wieder zurück in die Schweiz und bereist danach Russland und die
USA. Die Morphiumsucht nimmt immer grössere Ausmasse an, und die
Konsequenzen waren zahlreiche Aufenthalte in psychiatrischen Klinken
aufgrund von schweren Depressionen und Selbstmordversuchen. Nach
einer Reise nach Belgisch-Kongo kehrt sie 1942 erneut in die Schweiz
zurück. Während einem Aufenthalt im Engadin stürzt sie schwer mit
dem Fahrrad und zieht sich Kopfverletzungen zu, an deren Folgen sie
Wochen später in Sils stirbt.
Wer die Lyrische Novelle liest, muss stets Annemarie Schwarzenbach
mit ihrer androgynen Ausstrahlung und ihrer lesbischen Identität vor
Augen haben. Damit wird die enge Verbindung zwischen der
Liebesgeschichte des Erzählers, oder eben der Erzählerin, sowie die
Biografie Schwarzenbachs offensichtlich. Da kann man sich nur einem
weiteren Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anschliessen:
„Das Werk trägt das Gesicht seiner Zeit, doch es ist ein so zartes,
stummes und verhülltes, dass man die Person hinter der Maske nur
undeutlich ausnehmen kann.”
(dom/23.05.07)
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